Literatur und Geschichte Top Secret

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Die Weinberge bilden den Hintergrund für viele Ereignisse der Geschichte und in der Literatur. Das sind in Dogliani das Weingut des ersten Präsidenten der Republik, Luigi Einaudi, das Schloss des Conte di Cavour in Grinzane, wo er 17 Jahre lang Bürgermeister war, das Schloss von König Karl Albert, damals noch Gast fröhlicher Feste und unbesorgter Abenteuer in Verduno, die Weinkeller in Santa Vittoria, wo ebenfalls Karl Albert mit den Cinzano Brüdern an die Herstellung von Spumante in Piemont dachte (aber der wirklich erste Produzent war dann doch Gancia in Canelli), das königliche Schloss in Govone, wo sein Onkel Karl Felix gern den Sommer verbrachte und ganz in der Nähe das Schloss in San Martino Alfieri, wo der Entwurf für das Albertinische Statut entstand. Nicht zu vergessen das Gut Fontanafredda, wohin Viktor Emanuel sich gern mit seiner morganatischen Rosa Vercellana zurückzog, und die andere große Schönheit des Risorgimento und bedeutende Schachfigur für das Zustandekommen der Verträge von Plombières zu Gast war. Es ist die Rede von der Contessa di Castiglione, Kusine von Cavour und Maitresse von Napoleon III.
Apropos Napoleon, zu erwähnen sind die Schlachten der italienischen Kampagne des großen Korsen. Vom Fort in Ceva wurde er aufgehalten und dann weiter unten in der Schlacht bei der Pedaggera di Paroldo besiegt. 
Und erst die ruhmreiche Vergangenheit im antiken Rom. Die Reste tragen Namen wie Augusta Bagiennorum, Pollentia (wo Stilicho das letzte Mal den Westgoten unter Alarich Einhalt gebot) Alba und Hasta Pompeia, Acquae Statiellae (der Name erinnert noch heute an die Vernichtung der Ligurier durch den selbst vom Senat aufs Schärfste verurteilten niederträchtigen Marcus Popillius Laenas,) während andere Namen sogar auf einen Kaiser hinweisen, Publius, Elvius Pertinax, dessen Name noch heute vom Echo durch die Hügel des Barbaresco getragen wird.
Aber vielleicht sind es mehr noch als DIE Geschichte die Geschichten, die Literatur, dass man sich in Piemont und in diese Landschaft verliebt. Die Beschreibung von Cesare Pavese in „Junger Mond“ der Hügel um Santo Stefano Belba ist wahrscheinlich eine der herzzerreißendsten des 20. Jht , während sich bei Fenoglio die steinzeitliche Plackerei der ländlichen Bevölkerung in den Millionen Agostino wiederfindet, die als Knechte in den Dienst unliebsamer Herren geschickt wurden, wie es bei Fenoglio der Herr auf Pavaglioni einer ist. Und hier liegt auch die eigentliche Größe von Beppe Fenoglio: in seiner Universalität und der Fähigkeit, die Entfremdung durch einen Krieg (hier des Partisanenkrieges) auf den Hügeln zu beschreiben, die Fenoglio immer als „natürliche Bühne für seine Liebe“ gesehen hatte. Die Werke von Pavese und Fenoglio (wie übrigens auch von Augusto Monti, Davide Lajolo, Nuto Revelli) sind folglich eine Einführung in die Langhe der Seele, um den Geist, den wahren Kern der Bewohner der Langhe zu verstehen.
 
Alba und Fenoglio
Beppe Fenoglio hat einen von allen erträumten Roman geschrieben. Er wurde nach seinem Tod, als schon niemand mehr damit rechnete, veröffentlicht. Es ist dank „Eine Privatsache“, dass wir wissen, dass eine Zeit wirklich zu Ende ist. Es sind Worte von Italo Calvino im Vorwort für wahrscheinlich den schönsten Roman des 20. Jht, der unvollendet geblieben ist oder wirklich als Privatsache gedacht war. Eine Geschichte von Krieg und Liebe, die sich in der Stadt Alba und in den Langhe abspielt. Es ist die gleiche Landschaft, die von einem Aussichtsturm, einer Bank, einem Wanderweg oder einer Handvoll Häuser in stiller Dankbarkeit an jenen scheuen, wortkargen Mann erinnert, der mit eigentlich nur wenigen Romanen dieser Landschaft ihre Helden gibt. Es sind dies Partisanen oder Bauern und er tut dies mit einer Geradlinigkeit, die ihn während seiner klassischen Studien in der griechischen Mythotologie genauso fasziniert hat wie bei Chromwell. Die Helden seiner Romane sind alle auf eine Art umgekommen, die einen Regisseur in Hollywood begeistert hätte. Seine Helden (oder Antihelden) Milton, Agostino, Johnny sind echt, aber doch irgendwie anders, Partisanen und Knechte, aber vor allem „Menschen in ihrer normalen menschlichen Dimension“ und folglich unergründlich, einsam auf einem der vielen Hügel. Für immer.
 
Barbaresco und Pertinace
Fährt man von Alba nach Barbaresco hoch stößt man auf viele Namen, die alle irgend etwas mit dem römischen Kaiser Publius Helvius Pertinax zu tun haben. Der Ortsteil San Rocco seno d’Elvio,, die  römische Straße, die zum Monte Aribaldo führt und der Martinengahof, einstmals Villa Matris genannt (eventuell das Geburtshaus des Kaisers?) und später in Martis verwandelt (um den militärischen Ruhm zu ehren oder aber ein Abschreibfehler?). Im Grunde auch nicht wichtig, was wirklich zählt ist, dass der von den Prätorianern nach der Ermordung des schrecklichen Commodus 192 zum Kaiser gewählte römische General wirklich aus Alba kam, ein Beweis für die Bedeutung von Alba Pompeia im 2. Jht. n.C.. Später führten ihn seine Aufgaben durch das halbe römische Reich (auf seine Büste auf dem gleichnamigen Platz sind alle Provinzen eingemeißelt, in denen er Rom gedient hatte).
Pertinax, rechtschaffen und von guten Absichten erfüllt, hatte er jedoch keine große Chance, diese umzusetzen, denn bereits nach drei Monaten wurde er von den von seiner Rechtschaffenheit enttäuschten Soldaten niedergemacht, die den korrupten Marcus Didius Severus Iulianus  vorzogen.
 
Cherasco und Napoleon
Die italienische Kampagne, d.h. die Invasion der italienischen Halbinsel, diente Napoleon Bonaparte dazu, Erfahrungen zu sammeln. Nachdem er das piemontesische Heer überwunden hatte, das ihm ziemliche Schwierigkeiten bereitet hatte, stieß er auf keine weiteren Hindernisse mehr. Napoleon vermied die Alpen und marschierte vom Apennin her, der seiner Meinung nach leichter zu überwinden war, nach Piemont, aber nach der Schlacht bei Loano wurde er durch das Fort in Ceva (das er später abfackelte) aufgehalten und in der Schlacht bei der Pedaggera di Ceva besiegt. Mit der Schlacht bei Mondovì gelang es ihm jedoch, sich in Erwartung des Sieges über die Österreicher einen Weg nach Turin und in die Po-Ebene zu erkämpfen. Der Frieden wurde 1796 im Palazzo Salmatoris (heute Ausstellungssitz) in Cherasco unterzeichnet (genau dort, wo 1631 auch schon das Ende des mantuanischen Erbfolgekriegs besiegelt wurde)
 
Dogliani und Einaudi
Dogliani ist ein friedliches Städtchen im Rücken der Weinberge des Barolo . Hier wächst ein ausgezeichneter Dolcetto. Ein Mikrokosmos, von wo aus wahrscheinlich ein rechtschaffener und weitsichtiger Mann die Welt da draußen beobachtete und aus dem, was er dort sah, bittere, aber vernünftige Schlüsse zog. Dieser Mann war Luigi Einaudi, geboren in Carrù, aber aufgewachsen in Dogliani, wo heute noch die Familienvilla steht und seine Vetter Wein herstellen. Seine Schrift “Prediche inutili” enthält bereits die Beschreibung aller Übel, an denen Italien heute noch leidet. Luigi Einaudi erster Präsident der Republik, Wirtschaftswissenschaftler von Weltrang, Rektor der Turiner Universität, Chef der Banca d’Italia und wahrscheinlich der letzte der bedeutenden piemontesischen Politiker, für den diese Position eine Ehre und diese zu erfüllen Pflicht war.
 
Fontanafredda und Viktor Emanuel II

Viktor Emanuel II. liebte drei Dinge: den Krieg, die Jagd und die Frauen. Er verkniff sich keine seiner drei Passionen, aber wirklich lieben tat er nur eine Frau: Rosa Vercellana, Tochter eines Tambourmajors, die Viktor Emanuel, damals noch Prinz, in Moncalvo kennenlernte, als sie gerade einmal 16 Jahre alt war. Er machte Sie zur Gräfin von Mirafiori und später zu seiner morganatischen Frau (d.h. ohne sie zur Königin zu krönen). La Bela Rosin (wie Viktor sie im piemontesischen Dialekt nannte) war eine diskrete Protagonistin des Risorgimento. Höchstwahrscheinlich war sie die einzige, die den König verstand und seinen aufbrausenden Charakter dämpfen konnte. Das Gut Fontanafredda war ihr buen retiro , d.h. ihr Rückzugsort zwischen Jagd und Wein (die Weinkeller sind sehenswert), ein Ort der Ruhe und des Friedens, abgeschirmt von der Welt und der Staatsräson.
 
Govone und Karl Felix
In Govone verbrachte Karl Felix jeden Sommer. Seine Regierungszeit war nicht besonders lang und um ehrlich zu sein, hatte er auch keine besonders große Lust König zu sein - die Könige der Savoyer habe alle etwas eigenartige Biographien. Aber auf jeden Fall regierte er besser, als es in den Büchern zu lesen ist. Ganz sicher war er kein Liberaler, aber er gründete das Ägyptische Museum, reformierte des Strafgesetzbuch, schaffte die Sklavenhaltung ab (auch wenn es diese schon lange praktisch nicht mehr gab),  er gründete die Turiner Sparkasse und die erste Versicherungsgesellschaft (Reale Mutua). Berühmt ist der Satz in der 1831 vom Bischof von Annecy gehaltenen Grabrede: “Meine Herren, heute beerdigen wir hier die Monarchie”. Tatsächlich starb mit dem Tod von Karl Felix die Hauptlinie der Savoyer aus und der Thron ging an den Zweig Savoyen-Carignano über. Rechtmäßige Thronerbe war der zügellose und revolutionäre Karl Albert. Govone ist ein Muss auf dem Besichtigungsprogramm und neben der Prunktreppe und den Groteskenmalereien gehören die chinesischen Zimmer zu den Schönsten in ganz Europa, während die Blütezeit in den Gärten besonders im Frühjahr eine Augenweide ist.
 
Grinzane und Cavour
Graf Camillo Benso di Cavour war sicher eine der beliebtesten Persönlichkeiten zur Zeit des Risorgimento.  Alle haben sich mit seiner Politik auseinandergesetzt, die diplomatischen Winkelzüge, seine Visionen und Strategien  nachvollzogen, die ihm den Namen „Fadenzieher“ einbrachten (aber wahrscheinlich gefielen ihm die anerkennenden Lobesworte seines Feindes Metternich besser, Außenminister unter den Habsburgern, „Heute gibt es in Europa nur einen einzigen wahren Politiker. Leider ist er nicht auf unserer Seite.“ Vielleicht weniger bekannt ist, dass Cavour 17 Jahre lang Bürgermeister von Grinzane war. Er modernisierte die Landwirtschaft und als begeisterter vigneron holte er sich den französischen Önologen Louis Oudart aus Genf nach Grinzane. Er sollte den so besonderen Wein verbessern, den die Marchesa Falletti (gebürtige Juliette Colbert, ebenfalls französischer Abstammung und Nichte des Finanzministers von Ludwig XIV. ) jenseits der Hügel nach ihrem Heimatort benannte: Barolo.
 
Santo Stefano Belbo und Pavese
Cesare Pavese, der in Santo Stefano Belbo auf die Welt kam, beschrieb den Ort mit “vier Häuser und viel Schlamm” aber er meinte dies liebevoll, fast um eine bäuerliche Identität zu schützen, die nach dem Krieg zu verschwinden drohte. Seinem Geburtsort widmete er zahlreiche Erzählungen und Romane. Und es ist in „Junger Mond“, dass er mit meisterlichen Worten das Erbe der Vorfahren festhält und diesem „Schlamm“ einen Platz in der großen Literatur des 19. Jht. verschafft. Die ihm gewidmete Stiftung ist der rechte Ort, um dort und in den umliegenden Hügeln die Atmosphäre und die Orte des Romans wiederzufinden. Vor dem Touristen ziehen folglich Nido, La Mora, Il Salto, der Hügel von Gaminella und das Haus von Nuto vorbei und er kann etwas von dem Geist erhaschen, der diesen Vetter veranlasst hatte, sein Glück in Amerika zu suchen. Cesare beneidete ihn sogar ein wenig und versetzte sich literarisch in ihn hinein, ohne zu ahnen, dass sich das Amerika seiner Träume - auch dank seiner Mithilfe - in die Langa von heute verwandeln würde.
 
Verduno und Karl Albert
Karl Albert war ein großer König, nicht wegen seiner militärischen Erfolge (er verlor und musste ins Exil gehen), sondern wegen seiner tiefgreifenden innovativen Ideen. Seine Überzeugungen aus der Jugend  blieben in nuce in ihm und in seinen Freunden und als er unvorgesehen den Thron besteigen musste, da übernahm mit ihm eine neue Generation junger Politiker und Denker in Turin die Macht. Wichtigstes Ergebnis ist das „Albertinische Statut“, das auch unserer heutigen Verfassung noch zugrunde liegt, und das die erste (nach der polnischen) und modernste Verfassung der damaligen Zeit war. Karl Albert fand aber auch noch die Zeit, sich mit der Gründung der Stiftung der Agenzia di Pollenzo (dort, wo sich heute die Universität für gastronomische Wissenschaften befindet)  um die Modernisierung der Landwirtschaft zu kümmern. In Santa Vittoria (die historischen monumentalen Keller sind unglaublich) unternahm er Versuche mit dem Spumante und Vermouth und förderte mit Hilfe des Önologen Staglieno durch den Erwerb 1838 des Schlosses im gegenüberliegenden Ort Verduno die Produktion des Barolo. Noch heute wird in jenen Kellern Barolo vinifiziert, während auf einem Spiegel im Esssaal seine und die Unterschrift sämtlicher Gäste eines nicht näher beschriebenen Essens erkennbar sind.
 
Barolo und Juliette Colbert
Juliette Colbert stammt aus der Vendée, einer Gegend, die mit über 300.000 zivilen Todesopfern besonders unter der französischen Revolution gelitten hatte. Ihre Großmutter wie auch ein großer Teil ihrer Verwandten landete während der Schreckensherrschaft unter der Guillotine. Juliette konnte sich nach Holland retten. Es wird Napoleon sein, der ihr ihren zukünftigen Ehemann, den Marchese Carlo Tancredi Falletti vorstellt, den letzten Nachkommen einer der reichsten Familien in Piemont. Nach der Restauration lässt sie sich mit ihrem Mann in die Nähe von Turin in Barolo nieder, und diesen Namen gibt sie auch dem so speziellen Wein, der auf den heimischen Weinbergen wächst. Juliette Colbert ist eine schöne, sehr kultivierte Frau, aber anstatt sich auf Bällen zu vergnügen und Luxus zu genießen, widmet sie ihr ganzes Leben karikativen Aufgaben. Es sind die Klagen eines Gefangenen, der um Suppe statt um Gebete bittet, der sie auf diesen Weg bringt. Aufgrund ihrer angesehenen Position und ihrer Kenntnisse lässt sie sich zur Leiterin der Gefängnisse von Karl Felix ernennen und damit beginnt ein Prozess, der das gesamte Strafvollzugssystem speziell für weibliche Straftäter verändern sollte. Es folgen Heime, Mittagstische für Bedürftige, Schulen für ehemalige Strafgefangene, für allein erziehende Mütter, der erste Kindergarten in Italien. Nach dem Tod ihres Mannes führt sie ihre Arbeit weiter. Sie gründet das Hilfswerk Opera Pia Barolo und investiert das gesamte sagenhafte Vermögen der Faletti, 12 Millionen Lire, die Bilanz eines Staates, um den Armen zu helfen.
 
Bra und Cottolengo
Es war eine junge Mutter, die 1827 verlassen in einem Stall an Tbc verschied, die Giuseppe Cottolengo seinen karikativen Weg der Nächstenliebe einschlagen ließ. Cottolengo wurde in Bra als Sohn reicher Tuchhändler aus der Provence geboren. Wie auch in der Geschichte von San Martino verzichtet der junge Pfarrer Cottolengo auf alle seine Reichtümer, um sein Leben den Armen zu widmen. Er gründet in Turin das „kleine Haus“, Piccola Casa della Divina Provvidenza, das heute noch seinen Namen trägt. Das Cottolengo ist die erste soziale Einrichtung, die gegründet wird, um das Leiden der Armen zu lindern, die als Proletariat nach Turin geströmt waren. Im Cottolengo werden Kranke, Alte, Obdachlose versorgt. Es ist kein Zufall, dass Cottolengo mit knapp 56 Jahren während einer Typhusepidemie in Chieri stirbt. 1934 wird er heilig gesprochen und ist damit der erste „soziale“ Heilige in Piemont wie später Don Bosco und Giuseppe Cafasso.

Text ©Pietro Giovannini