Alba. Weiß und rot

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Dom von Alba - Photo von Stefania Spadoni

Diese kleine Stadt, die sich um eine Schleife des Tanaro drängt, ist eigentlich bekannter und berühmter als man es bei dieser Größe vermuten würde: knapp dreißig Tausend Einwohner, eine Art großer „salotto“, jeder kennt jeden, mit einer mission, die ausschließlich auf eine Aufgabe gerichtet ist, sich ein angenehmes Leben machen und dafür zu sorgen, dass dies auch für andere - zu mindestens zeitweise - gilt. So wie es bereits aus dem  Name hervorgeht, lässt sich die Stadt mit der Farbe Weiß in Verbindung bringen. Also eine weiße Stadt - von den Römern  aus dem ligurischen-keltischen alb = Wasser abgeleitet, was wiederum dem Lateinischen albus = weiß bzw. weiß bemalt ähnelt, aber auch wohlgesinnt, heiter bedeuten kann, wovon sich wieder das italienische Wort „alba“ = Sonnenaufgang ableiten lässt. Aber auch Rot  wäre eine Farbe, mit der sich Alba identifizieren ließe, Rot für das Porphyr, die Dachpfannen und Ziegelsteine, die gleichzeitig so mittelalterlich und typisch piemontesisch daherkommen. Der aus Alba stammende Fenoglio lässt es Agostino sagen - dieser arme, vom Unglück verfolgte Knecht: „Ich prägte es mir unauslöschbar ein - die vielen Türme, die dicht gedrängten Häuser und dann die Brücke und der Fluss, das größte Gewässer, das ich bisher in meinem Leben gekannt hatte ...“ Auch heute noch hat man aus den Langhe kommend von Alba, der Hauptstadt, den gleichen Eindruck - quirlige Wochenmärkte, elegante Geschäfte, Cafés, Konditoreien, die Glockentürme der vielen Kirchen ... Nun ja, die Kirchen ... Alba hat auch mit Weiß zu tun -  wegen der Pfarrer und Mönche. Das Bistum Alba hat eine lange Geschichte und zieht sich wie eine schützende Umarmung (Bischof Luigi Grassi war ein Protagonist unter den Widerstandskämpfern) über die unzähligen Hügel. Und mit Rot. Das Rot der Partisanen und Denker (Medaille in Gold, 1944 konnte sich Alba 23 Tage lang befreien, so wie es Beppe Fenoglio, Schriftsteller der Extraklasse, erzählt, zu dessen Lehrern am Govone Pietro Chiodi gehörte. Alba unter einer weißen Schneedecke und mit jedem Sonnenuntergang zum Glühen gebracht. Zu Alba gehört rot und weiß wie auch die berühmten Weine und, wenn wir es kulinarisch sehen: rot wie das rohe Hackfleisch des Fassone Kalbs (eine erstaunliche Rinderrasse) und weiß wie jener tuber magnatum pico, besser bekannt als weißer Trüffel mit seinem einzigartigen Aroma. Folglich rot und weiß - das sind die Farben dieser ehrgeizigen freien Gemeinde und der unzähligen Eier, die mit Mehl vermischt die reichhaltigste Pasta in Italien ergeben. Schwer vorstellbar, noch vor knapp hundert Jahren war Alba ein Städtchen in einem Tal mit im Rücken einer Hügellandschaft, die zu den ärmsten in ganz Italien gehörte. Immigration, Armut und Perspektivlosigkeit gehörten zur Tagesordnung. Aber eine Generation hartnäckiger, ehrgeiziger, außergewöhnlich begabter Männer hat das Wunder vollbracht: Giacomo Morra (der Erfinder der Trüffelmesse Fiera del Tartufo), Michele Ferrero (der Erfinder der Nutella, ein Geschäftsmann, dem es gelungen ist, dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz zu geben), die Gebrüder Miroglio (die ein Modeimperium geschaffen haben), die Paolini (die Herausgeber von u.A. der Zeitschrift Famiglia Cristiana), die Stroppiana (die mit ihrer Marke Mondo auf allen Sportplätzen der Welt vertreten sind), der Pharmazeut Luciano De Giacomi (das beste Arzneimittelangebot in Piemont) und Giacomo Oddero (alle Großen DOC der Langhe sind sein Werk). Und dann die beiden berühmten Schriftsteller Beppe Fenoglio und Cesare Pavese, die diesen Hügeln ihre Poesie verliehen haben und ein anarchischer unverstandener Maler wie Pinot Gallizio. Heute gilt er als Genie des 20. Jht. Es sind diese Männer, die die Langhe zu dem gemacht haben, was sie heute sind, eine Region mit der höchsten Lebensqualität in Italien. Und noch etwas: Italien - auch wenn die Rating Agenturen anderer Meinung sind - ist immer noch das schönste Land der Welt.
 
Alba aus römischer Zeit
Ein Netz unterirdischer Wege ermöglicht es, in Alba zu zahlreichen Gebäuden zu gelangen, in deren Kellern Reste aus antiker römischer Zeit zu besichtigen sind: die Kathedrale, das Fremdenverkehrsamt, San Giuseppe, die Banca Regionale Europea, die beiden Plätze, Piazza Pertinace und Piazza Mons. Grassi.
Ein Modell von Alba Pompeia veranschaulicht sehr schön die Entwicklung Albas vom Mittelalter bis hin zur Neuzeit und zur Stadt von heute, die immer noch die ursprüngliche Straßenführung erkennen lässt.

Alba im Mittelalter
Die mittelalterliche Stadt lebt nicht nur in jedem Herbst in den zahlreichen Veranstaltungen wieder auf. Ein deutlich sichtbares Erbe aus dem Mittelalter sind drei Türme im Originalzustand und die zahlreichen anderen, die gegen Ende des 19. Jht. zum Teil abgetragen und mit Loggien versehen wurden. Typisch mittelalterliche Architektur sind auch Casa Riva und die Loggia dei Mercanti (als ältestes Gebäude) in via Cavour, die Casaforte Marro an Piazza Pertinace, das Rathaus Palazzo Comunale und Casa Do in via Maestra (Via Vittorio Emanuele), wo zahlreiche Palazzi der Aristokratie wie zum Beispiel der Familie Belli stehen. Im Hof von Palazzo di Serralunga (an der Ecke mit via Belli) kann man eine sehr elegante Loggia besichtigen.
Sehenswert sind auch die kirchlichen Gebäude wie die beiden Kirchen San Domenico (romanisch-gotisch) und San Giovanni und natürlich die Kathedrale (die gegen Ende des 19. Jht. umgebaut wurde) mit dem interessanten Museum Museo Diocesiano, der Bischofssitz, das Seminar und die zahlreichen Klöster.

Alba zur Zeit des Barocks
Die späteren Umbauten und Änderungen sind nichts weiter als ein luxuriöses „Kleid“  der soliden mittelalterlichen Strukturen. Die Freude an Schönem und der gute Geschmack ist in Piazza Risorgimento (der Platz vor dem Dom), in vielen Häusern in via Cavour und via Vittorio Emanuele (der Hauptstraße) und ganz besonders an der wunderschönen Fassade der Chiesa della Maddalena, ein Werk Vittones, erkennbar.

Alba zur Zeit der Savoyer, des Jugendstils und zur Zeit des Faschismus
Im schönsten savoyer Stil zur Zeit gegen Ende des 19. Jht. ist die Piazza Savona gehalten, die mit ihrer schlichten Eleganz eine Augenweide ist. Wenig später schwappt aus Frankreich der Jugendstil nach Italien. Er bringt abgerundete Formen und Blumendekorationen, die Balkons, Eingänge und Fensterahmen zieren, zahlreiche Sommerhäuser. Die Architektur aus der Zeit des Faschismus ist mit einem Haus in Piazza Savona, dem großen Kloster und der ehemaligen Sporthalle im Hof der Maddalena vertreten.

Eusebio Museum
Das in einem Flügel des ehemaligen Konvents der Dominikanerinnen untergebrachte Museum hat zwei Abteilungen: in einer befindet sich das Wissenschaftsmuseum mit einer interessanten Veranschaulichung der geologischen Entwicklung der  Gegend in und um Alba mit der entsprechenden Auswirkung auf die Bodenzusammensetzung (wichtig für den Wein) sowie eine erschöpfende Sammlung der örtlichen Flora und Fauna. In der anderen sind bedeutende archäologische Funde aus der Steinzeit bis zur Zeit des alten Roms mit Grabbeigaben und Grabsteinen sowie Gegenständen des täglichen Gebrauchs ausgestellt.

Ferrero
Das Ferrero Werk erstreckt sich außerhalb der Mauern von Alba in einer Schleife des Tanaro.
Für die Bewohner von Alba ist Ferrero wie eine zweite Mutter, die manchmal aus Unachtsamkeit den Backofen öffnet und die ganze Stadt in den Duft gerösteter Haselnüsse einhüllt. Eine ausgesprochen großherzige Mutter, die Tausenden einen Arbeitsplatz verschafft hat, ohne diese jemals zu zwingen umzuziehen, dafür aber einen Zubringerdienst eingerichtet, der die Mitarbeiter aus allen Teile der Langhe  an ihren Arbeitsplatz bringt. Ferrero IST Alba, Michele Ferrero war Ehrenbürger der Stadt Alba (wo er auf die Welt kam). Die Ferrero Stiftung organisiert nationale Ausstellungen (mit freiem Eintritt), nationale Kongresse und Meetings. Das Feierabendzentrum ähnelt eher einem englischen  Country Club, ein Modell dafür, wie Mitarbeiter geachtet werden sollten, wenn sie das Rentenalter erreicht haben.
Folglich wundert man sich nicht, wenn sich am nächsten Tag nach der Überschwemmung 1994, die auch das Werk erreichte, die gesamte Belegschaft, vom obersten Chef bis hin zum Lagerarbeiter, mit Schaufel und Gummistiefeln präsentierte. Nur knapp einen Monat später pünktlich zu Weihnachten konnte die Produktion wieder aufgenommen werden.

Die Trüffelmesse
Der Herbst in den Langhe war schon immer gleichbedeutend mit Festen und Geschäften. Es werden die Früchte der Arbeit eines Jahres geerntet: Haselnüsse, Weintrauben, Gemüse und auch ohne Arbeit, aber mit großer Mühe ... Trüffel!
Die Luft duftet nach heißen Maroni, die Augen glänzen beim Anblick der bunten Lichter auf dem Rummelplatz, in die Ohren dringen die fremdartigen Laute von Sprachen aus aller Welt: in Alba ist wieder Trüffelmesse!
Die Idee der Messe stammt von einem Genie des Marketing ante-litteram: Giacomo Morra, Sohn einfacher Bauern, die ihre Söhne nur hintereinander zur Messe schicken konnten, weil es nur ein Paar sontagsmessenwürdige Schuhe gab. Morra war ein unermüdlicher Arbeiter mit einer Weitsicht, die schon 1928 die Möglichkeiten dieser Frucht erkannte (die man damals als Dankeschön dem Arzt oder Restaurant überreichte) . In knapp 30 Jahren machte Giacomo Morra den Trüffel weltweit bekannt, sorgte dafür, dass er auf den Tisch der Mächtigen kam, dass man in den Zeitungen von ihm schrieb und krönte ihn wie einen mittelalterlichen Ritter am Ende des Turniers zum König. Alba verdankt ihm, wenn nicht alles, so doch sehr viel.

Text ©Pietro Giovannini